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Die SP Stadt Solothurn
macht Politik für die
ganze Bevölkerung.

Für alle statt für wenige!

Rede zum 1. August 2019 in Lostorf und Solothurn

Von Franziska Roth, Parteipräsidentin der SP Kanton SolothurnSO Roth Franziska SP 2019 web

Liebe Anwesende

Fahren Sie mit oder ohne Velohelm? Ich pedalte in meinen Ferien erneut auf den Spuren der Tour de France und dabei kam mir die Studie vom Helmexperiment in die Hände. Wie überholen Autofahrer Radler? Das Resultat: Um Frauen macht man einen grossen sicheren Bogen. Nicht aber um Helm tragende Männer. Diese werden eng und ab und zu mit Abstand Null überholt, das heisst es kann einen Unfall geben.
Aha, ist das so? Sind also Frauen auf dem Velo unsicher? Ist der Mann mit Helm per se Rennfahrer? Nein, das sind Klischees.

Klischees und 1. August? Passt das zusammen? Wir feiern heute unsere Freiheit, oder? Da braucht es den ungehinderten Blick auf die Sicht der Dinge. Keinen romantisch vernebelten.

Klischees behindern unsere freie Sicht. Behindern den offenen Blick von uns freien Schweizerinnen und Schweizern. Zu Urzeiten waren Verallgemeinerungen sinnvoll. Unsere Urahnen konnten so in gefährlichen Situationen schneller lebensrettende Urteile fällen. Zugleich sparten sie viel Energie, weil sie weniger denken mussten. Das waren entscheidende Überlebensvorteile in einer feindlichen Umwelt. Wenn ein Urmensch sah, wie sein Artgenosse von einem Schlangenbiss dahingerafft wurde, kapierte er, dass es in Zukunft besser ist alle Schlangen zu meiden. Das war wesentlich einfacher, als jede einzelne Schlange neu auf ihre Gefährlichkeit hin zu untersuchen. Also hiess es: Alle Schlangen sind gefährlich! Dieses Klischee war zwar blöd, aber damals sinnvoll.

Sich heute noch von Vorurteilen leiten zu lassen ist nicht nur blöd, sondern auch sinnlos. Wenn ich mit meinem Kollegen aus Sri Lanka s unterwegs bin wird er oft gefragt: Du kochst sicher ayurvedisch? Machst du Yoga? Nein, tut er nicht. Nicht alle Tamilien kochen wie wild und sitzen verknotet in der Ecke. Es sind auch nicht alle Italiener bei der Mafia und nicht alle Schweizer essen Fondue und hören DJ Bobo. Eins liegt jedoch auf der Hand: Jemanden, auf den die beiden letzten Dinge zutreffen, trifft man eher in der Schweiz als in Indien!

Wie werden wir Vorurteile los? Am einfachsten, wenn wir darüber lachen. Noch heute muss ich über meine Vorurteile schmunzeln, die ich als Lehrerin beim Berufseinstieg hatte: Lasst mich rasch abschweifen und nachher erklären: 1987, in meiner ersten Schulklasse, die ich unterrichten durfte, waren Matthias und Eveline, sehr tierfreundliche Kinder. Eveline nahm eines Tages ihr Kaninchen mit. Sie sagte es sei begattet worden, vom Bock. Matthias hatte keinen Begriff vom Wort begatten und fragte, was das denn sei? Da meinte Eveline: „E hesch de no nie gseh wenn dr Bock uf’ d Zippe ufe hockt? Weisch und denn git är ihre Sömli und wenn du de mou gross bisch, de gisch du de amene Meitschi au Sömli!“ Da stand Matthias auf und rebellierte: „Ig amene Meitschi Sömli gäh? Das mach ig sicher nie nie nie, Meitschi si so blöd!“ Selbstverständlich ist Matthias heute stolzer Vater und Eveline ist auch Lehrerin geworden.
Uff, ich war mit meinen 21 Jahren doch ziemlich erstaunt.
Erstens, dass es auf der Welt Kinder hat, die schon in der 1. Klasse wissen wie sich Tiere fortpflanzen. Und zweitens, wie erfrischend es für die Diskussion und das Lernen ist, wenn man unverfroren sagt was man denkt!

Oder dieses Beispiel, das sich 30 Jahre später ereignete: Stefan, ein Junge erzählt gerne Witze. Er kam eines Morgens zu mir und sagte: „Frou Roth, weisch wie vüu Jugos as es brucht um es Büro z’ putze.“ Ui, ich intervenierte und sagte, „HAAALT Stefan, ich mag diese Art von Witzen nicht, weißt du man sagt nicht Jugo.“ Er meinte: „aber denn chan ig dr Witz nid verzöue.“ Also sagte ich: „du darfst ihn erzählen, aber dafür hörst du mir nachher zu, warum ich es nicht gerne habe, wenn man Jugos sagt.“ Ok meinte der kleine Kerl: „Also wie vüu Jugos bruchts?“ Ich sagte mit bewusst trockener Miene: „kei Ahnig!“ Er sagt: „kei einzige Jugo, das isch Frouenarbeit!“ Peng, das sass, ich musste derart loslachen. Er meinte: „Frou Roth fingsch ne glich guet?“ Ich sagte ja und dachte ok, die Sache ist erledigt, doch der geerdete und ehrliche Stefan meinte: „so jetzt muesch du mir aber säge, werum das mit de Jugos nid so gut isch.“ Ach ja erwiderte ich und erklärte: „weisch, hüt ist Jugo eigentlich es Schimpfwort und oft meint me, dass aui Mönschen us Jugoslawie Diebe und Kriminelli si und das stimmt nid, lueg doch mau Agon oder Burim an, mit dene wo du so gärn tschuttisch in dr Pause.“ AHH meinte der Kleine und sagte: „Ok, denn verzöue ig dr Witz eifach so: wie vüu Schwizer bruchts! Isch doch gliich wohär die Manne chöme.“

Diese Kinder handeln mit offenem Blick. Neugierig, darum frei von Scheuklappen. Mutig, ohne falsche Scham mit einer grossen Portion Selbstverstrauen mischen sie sich ein.
Stehen Sie mutig zu ihrem Bauchgefühl auch wenn das Gegenüber mehr Wissen hat? Schauen sie neugierig über ihre eigenen Grenzen hinaus?

Ohne Neugier kommt unser Land zum Stillstand. Wir sässen noch in der Höhle, wenn unsere Vorfahren nicht gewandert wären. Ohne Neugier, hätten wir keine Bildung, noch weniger Gleichstellung, keine Demokratie. Gut der Miesepeter kann jetzt sagen: Aber auch keine schlechte Luft, keine Erderwärmung, keine Globalisierung. Dem halte ich entgegen, dass nur dank der Neugierde z.B. unsere Kehrichtgruben verschwunden und das FCKW aus dem Kühlschrank verbannt ist. Vorurteile machen uns abhängig, amputieren die Vernunft. Klischees stumpfen die Kreativität ab. Ohne Kreativität verhocken wir in staubigen Stuben. Vorurteile sind das Gegenteil von Neugierde. Vorurteile machen uns klein und ängstlich.

Wir Schweizerinnen und Schweizer sind traditionell eher misstrauisch. Vorsicht ist bei uns schon fast eine Tugend. Umso merkwürdiger ist es, dass wir vermehrt Politiker als Experten und Wissenschaftler sehen und deren Urteile zu unseren Vorurteilen machen.

Wenn es um Schweizer Politik geht kommt mir immer das Weindegustier- Experiment in den Sinn: Eine Gruppe von Weinliebhaber, alles Laien wurden zur Weindegu eingeladen. Sie machten das in der ersten Runde hervorragend konnten guten von schlechtem Wien unterscheiden und sogar Geschmacksrichtungen benennen. Bei der zweiten Degustation hat man ihnen zwei Experten vorgestellt, die nun dabei sind. Zusätzlich hat man zwei Weine mit Essig verdünnt, welche natürlich von den Experten als hervorragend klassifiziert wurden. Eh voilà, Die Laien liessen sich verunsichern und klassifizierten ebenfalls den Essigvermischten Billigwein als den Besten, geschmacklich anders, aber von Experten als perfekt verkauft darum gut.

Liebe Anwesende es ist menschlich, dass man Experten vorschnell mehr Können und Wissen zugesteht. Aber wer es ernst meint mit der Schweiz der behält seinen Humor. Der lacht, wenn er Essig vorgesetzt bekommt und der Experte ihn als Wein klassifiziert. Wer es ernst meint mit der Schweiz wird wie Eveline und Matthias einerseits voller Neugier über Dinge reden, von denen er in eben diesem Moment nur eine geringe Ahnung hat und andererseits wie Stefan, keine Angst vor einer Blamage haben und frei von der Leber weg einen herrlichen Witz erzählen, auch wenn ein kleiner Teil darin falsch ist.

In der Politik und in meinem Beruf als Lehrerin sind Vorurteile und Angst vor einer Blamage fehl am Platz. Wichtig für eine gesunde Politik ist nicht das, was sofort ankommt bei den Leuten, sondern das, worauf es ankommt! Als Lehrerin und Politikerin muss ich in Erinnerung rufen: was heute das Normale, das Gewohnte ist, das machte noch kürzlich Angst. War früher nichts anderes als das Fremde, das Neue, das Andere.

Die heute sichere, freie und starke Schweiz sind keine Klischees. Wir werden zu Recht so wahrgenommen und auch dafür bewundert. Die Schweiz hat es immer wieder verstanden, aus Krisen und Rückschlägen zu lernen und dem Druck von aussen standhaft und sinnvoll zu begegnen. Sie hat sich nicht bloss verweigert, sondern mit gelebter Demokratie gute Abkommen mit der globalen Welt gefordert.

Ein paar Männer und Frauen romantisieren am 1. August. Sie zeichnen. eine Retroschweiz die es nie gegeben hat. Sie missbrauchen den 1. August und zeichnen den Wandel der Zeit als Schreckgespenst. Alles was irgendwie nach EU oder dem Europäischen Gerichtshof klingt gilt als Feind und ist Verschwörung. Wer denkt die Erde sei eine Scheibe verbreitet das Vorurteil, dass man an der Landesgrenze von der Kante fällt. Er kann sich schlicht und einfach nicht vorstellen, warum die anderen offen und neugierig auf die Nachbarn zugehen.
Dass alles was nicht schweizerisch ist uns unterjocht, fremden Vögten in die Hände spielt, das ist ein gefährliches Vorurteil. Und vor allem ein blödes.

Hand auf s Herz, kommt jetzt nicht das Vorurteil in euch hoch, dass bei dieser roten Roth der Name das Programm, ja gar das Parteiprogramm ist? Dass ich als Sozi jede Rede nutzt, um den EU Beitritt schmackhaft zu machen, den Kapitalismus abzuschaffen, am 1. August die Internationale zu singen und die Diktatur des Kommunismus einzuführen? Nein das mache ich nicht. Aber ich verschweige an einem Tag wie heute nicht unsere Partner. Wenn Sie in Ihrem Verein oder Ihrer Firma ein Jubiläum feiern so begrüssen Sie doch neben den Mitgliedern auch Partnerinnen und Partner. Und sogar die, mit welchen die Zusammenarbeit nicht immer optimal läuft.

Die Schweiz ist mitten in Europa. Wir leben und arbeiten heute schon mit unseren Nachbarn zusammen. Ich denke da an die Vernetzung der schweizerischen Wirtschaft. An Klimapolitik, Datenschutz, Migration oder Terrorbekämpfung. Das kann die Schweiz nicht im Alleingang bewältigen. Die EU hat als Friedensprojekt nicht versagt. Europa ist ein Ort der Freiheit. Das auch aufgrund der Zusammenarbeit mit der Schweiz.

Ein Kindergarten Kind sagte mir: „Du Frou Roth, ig ha di am Wucheändi uf eme grosse Plakat und im Färnseh gseh, gäu du wotsch Königin vor Schwiiz wärde?“

Liebe Anwesende, ich will weder unserer Souveränität aufgeben noch die Monarchie oder Diktatur einführen. Ich will und muss als Politikerin aber den Geburtstag unseres Landes auch zum Anlass nehmen die Stärke der Schweiz als ein Gemeinsames Werk zu würdigen.

Ich komme zum Schluss zurück zum Velohelm und der Weindegustation. Wenn die Regel „der Stärkere schützt den Schwächeren“ wirklich umgesetzt ist, muss man mich ich als Frau nicht im grossen Bogen umfahren und Sie als Mann werden nicht in Distanz kleiner als Null überholt.
Im Gemeinschaftswerk Schweiz haben Sie als Stimmbürgerin und Stimmbürger es in der Hand selbstbewusst nach ihrem guten Geschmack schlechte Urteile von falschen Experten zu ignorieren. Dabei hilft Ihnen die Vielfalt der politischen Parteien. In der Schweizer Politik heisst ‹gemeinsam›, den anderen zuhören zu wollen. Wenn ich das als Präsidentin der SP Kanton Solothurn sage, klingt es vielleicht etwas eigenartig, aber ich bin froh um diese Vielfalt. Ich schätze sie und wünsche mir, dass keine Partei zu mächtig wird. Auch nicht meine eigene. Vielfalt ist Garant für Stärke. Ein Mischwald ist immer robuster als eine Monokultur. Nur mit Vielfalt kann es gelingen, seine eigenen Idealvorstellungen so gut wie möglich umzusetzen.

Sie haben die Pflicht Vorurteilsfrei zu entscheiden.
So steht es in der Bundesverfassung:
im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken,
im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben, im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen, gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen.


Die SP Stadt Solothurn
macht Politik für die
ganze Bevölkerung.

Für alle statt für wenige!